Mülheimer Lesebühne am 8.11.2019

Lisi Schuur

Wir lesen aus unserem Buch Ruhepunkte, und freuen uns sehr auf die Mülheimer Lesebühne am 8.11.2019.

Beginn: 19 Uhr

Eintritt frei

Danke, dass wir dabei sein dürfen, lieber Manni (Manfred Wrobel)!

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spiegelreflex

der neue Roman

280 seiten, € 9,90

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leseprobe:

 

barnum / 1

barnum. wie der zirkus. barnum, brandenburg. nest.

hühnerkacke, augentrost, gebrauchte damenbinden im kompost. die hat kirow mir untergeschoben, garantiert.

ich weiß nicht, warum hier so viel augentrost wächst, ich weiß aber, warum kirow das tut.

wenn ich ihn danach fragen würde, würde er sagen: weil kirow das getan hätte.

ich frage ihn aber nicht, weil ich gleich danach fragen würde wo er die damenbinden her hat. das möchte ich nicht. jeder mensch soll seine geheimnisse behalten.

kirow ist kirows form der opposition. die hat ihm seinerzeit zehn jahre bau eingetragen, obwohl stalin längst tot war.

kirow, der am stahl zerbrach, der die kugel bekam.

mein kirow hat auch im stahl gearbeitet.

jetzt gehen wir gemeinsam vor die hunde hier. barnum. nest.

eine sterbende welt.

ich könnte erzählen wie der himmel im herbst durch die decke geht. ich könnte mir vom augentrost einen tee für die augen bereiten. stattdessen sauf ich sie mir mit vodka trüber. ist wohl besser so.

früher hab ich gedacht, wenn ich spüren könnte, wohin der wind weht, könnte ich mit ihm gehen. aber der wind weht immer gegen uns.

bei uns gibt es keine anderen straßennamen als barnum. 

barnum 7. das bin ich. flatternder steinhaufen plus bretterbude. kann mir keiner nehmen. will mir keiner nicht.

die straße schlängelt sich durchs dorf, als ob’s hier was zu finden gäbe. jedenfalls müssen die autofahrer vom gas. viele gibt es sowieso nicht. und zu finden wären bloß kirow und ich auf der kirchhofmauer, aber nur eventuell.

am einen ende des dorfes geht es nach mecklenburg rüber, aber nicht bald, sondern irgendwann erst, nach langen alleen, am anderen ende geht es tief in die uckermark hinein. wenn du in dieser richtung weiterfährst besteht gute aussicht auf verschwinden. in einem zeittunnel, in einem der vielen seen, niemand wird danach fragen.

ich sehe in den spiegel, und sehe mein gesicht. ich sehe augenlappen wie von einer bulldogge. meine augen sehe ich nicht, die sind hinter der brille verborgen. wenn ich die brille abnehme, sehe ich meine augen nicht. was vor augen liegt, heißt bei mir im trüben fischen.

mit brille seh ich rote äderchen vom vodka, von den selbstgedrehten. will kein mensch sehen. will ich nicht sehen. will mir stattdessen den bart abrasieren, eine schneise durchs kinn jagen. bringt auch nichts. wenn ich eine rasierklinge hätte, würde ich sie auf die halsschlagader setzen. würde sie hierhin und dorthin schieben, würde fast in tränen versinken, sie dann bekümmert beiseite legen. weil ich ein einziges kümmernis bin. nicht bereit den heldentod zu sterben. wahrscheinlich, weil ich noch zu fest auf den beinen bin. fragt sich bloß, wozu. es muss aber kein wozu geben. es reicht auch hin, den mann im mond walten zu lassen.

mein hiersein ist eine schlichte trotzreaktion. die ganz schön widerstandsfähig sein kann. was zu beweisen bleibt. wofür sich jede anstrengung lohnt.

mit sarkasmus. und vodka.

der sarkasmus ist die vorletzte stufe der verzweiflung. der vodka läutet den untergang ein.

wie ich gelesen habe, besitzen wir nun das zweitgrößte parlament nach china. china! schon mal die bevölkerungszahlen verglichen? und überhaupt: china!

ist das größenwahn?

oder ist es einfach nur ein zuviel an gier?

ich fürchte, es ist letzteres. denn zum größenwahn mangelt es ihnen an geist und fantasie, der erforderte gedanken, wenn nicht gar ein gedankengebäude. dazu sind sie nicht in der lage. sie sind die verwalter des mittelmaßes. man nennt es auch die bürgerliche mitte, der ort, wo sich kramp-karrenbauer und göring-eckardt auf den füßen stehen. diese 700 abgeordneten einer handvoll parteien, die nichts, aber auch gar nichts taugen, und dieser einen, die erst recht nichts taugt. 

es vereint sie die gier. sie glauben, dass eine ihnen einigermaßen ansehnlich schmeichelnde talkshowgastgeberin die welt bedeutet. 

sie erweist sich ihnen als lippenstift, wenig verwunderlich.

ich glaube, ich könnte kotzen, wahlweise böte eine badewanne duftender essenzen einen gewissen ausgleich.

das system ist korrupt, sagt kirow.

das hat er damals auch gesagt. zehn jahre bau.

heute läuft das anders, da lässt man einen wie ihn einfach vermodern.

diese abgrundtiefe jämmerlichkeit …

sickert unaufhaltsam ein und erstickt deine welt, sagt benno.

meine welt?

benno ist aus dem westen. na schön: west-berlin. aber seit dreizehn jahren hier. wohnt draußen in der wildnis in ner umgebauten datsche, samt atelier. 

benno ist bildhauer und kloppt den lieben langen tag auf steinen rum. manchmal auch auf meinen nerven. so wie jetzt. das konnte ich ihm nicht durchgehen lassen. 

kirow ist mir aber zuvorgekommen. dort draußen ist sowieso alles scheiße, hat er gesagt. was aber nur wasser auf bennos mühlen war. wir hier, und die dort draußen, verfügte er lapidar, und setzte mit runzelnder miene hinzu: man könnte es auch als eurozentrismus bezeichnen, ich wüsste nur nicht, wo hier ein euro aufzutreiben wäre.

benno ist ein verdammter schlaumeiernder wessie.

hab ich gesagt, dann haben wir gelacht und die flasche rumgehen lassen.

du denkst zu viel, sagt kirow. dabei denkt kirow ununterbrochen. aber kirow denkt in schleifen. 

ich denke an den moderator, den ich neulich im fernsehen erlebte als es um den plastikmüll in den meeren ging. ob der von den touristen auf den kreuzfahrtschiffen stammte, die plastiktüten ins wasser werfen, wollte er vom experten wissen. 

ich dachte, ich werd nicht mehr! der hat das ernst gemeint. dumm wie bohnenstroh.

nein, sagt benno, das hat system.

schon wieder das system. man könnte zum verschwörungstheoretiker werden.

nix da, sagt benno. es verkrümeln sich die fakten. 

75% weniger insekten in den letzten 27 jahren, sprudelt es aus mir raus.

bist du schwalbe?

ich mag schwalben, sagt kirow.

ich seh ihn erstaunt an.

raus aus der schleife.

wie das herz rasen kann. wie es sich zusammenfalten kann wie zwei welke blätter. wie es mir den schweiß auf die stirn treibt und die angst den nacken hochkriecht. das ist aber nur am anfang so, wenn es einsetzt. dann aber gleich der gedanke: es ist vorbei. und: gut so.

ich leg mich flach hin und warte auf das ende. das kommt nicht. das herz pumpt. dann ist es weg. ist aber immer noch da.

außerdem kann ich kirow nicht alleine lassen. der ist so verdammt gesund.

ich wohne hier seit damals, wie sie mich von der humboldt geschasst haben. 

ich war nicht berühmt genug für den westen, habe wohl auch nicht laut genug gestrampelt. wollte ich auch nicht. mir gefiel es hier, ich konnte alle meine bücher mitnehmen. 

mir gefällt es noch immer. die bücher haben sich vervierfacht.

das damals ist sehr lange her.

etwa zur gleichen zeit kam kirow zurück.

ich hab ihn zu mir geholt. er hatte keinen mehr.

wir waren auch ziemlich gleichalt. 

während ich karriere machte und sie gleich wieder verlor, hat er im stahl geschwitzt.

im dorf haben sie getuschelt, wie sie es heute noch tun: da sind die beiden richtigen beisammen.

ich habe gelesen, kirow hat in der lpg den stall ausgemistet. so vergingen unsere tage.

abends habe ich gekocht, dann haben wir uns an den see gesetzt und bier getrunken.

jener ort, der war einmal, da halfen auch keine kerzen im fenster, die hat der wind ausgeblasen, da war auch die erinnerung tot.

 

karlina evig: nachgelassene schriften

 

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220 seiten mit zahlreichen illustrationen, € 14,90

karlina evig, ein pseudonym, das sie sich bereits im alter von 17 jahren zugelegt haben dürfte, wurde am 18. februar 1950 in der großgemeinde haderslev in südjütland als uneheliche tochter eines adeligen grundbesitzers und einer aufstrebenden jungen sopranistin geboren. die mutter ließ die tochter bereits kurz nach der geburt bei ihrem vater zurück um sich ihrer weiteren karriere zu widmen. 

karlina evig hat ihre mutter nie wieder zu gesicht bekommen, scheint auch keine anstrengungen in dieser hinsicht unternommen zu haben.

umso inniger gestaltete sich die beziehung zum vater, der seiner tochter unerachtet ihrer eskapaden jederzeit hilfreich zur seite stand.

so verfügt der herausgeber dieser blätter über dokumente, die beweisen, dass er seiner tochter, die 1976 in das als „die befreiung der kleinen meerjungfrau“ in die geschichte eingegangene happening, in dessen verlauf der damalige dänische kultusminister lebensgefährlich verletzt wurde, verwickelt war und wegen mordversuches in untersuchungshaft saß, zur flucht verhalf.

über karlina evigs folgende berliner jahre, die von ihr begründete künstlerkolonie von kavieng, neuirland, und den kultstatus, den sie schließlich in japan erlangte, braucht an dieser stelle weiter nichts gesagt zu werden, dies alles ist hinlänglich bekannt.

karlina evig wurde letztmalig am 29. september 2004 in rom von einer japanischen touristin gesehen, der sie ein autogramm gab.

die hier veröffentlichten nachgelassenen schriften wurden dem herausgeber bereits im jahr 2008 durch den vater karlina evigs mit der auflage überreicht, sie erst nach seinem tode zugänglich zu machen. 

da er im märz 2018 vierundneunzigjährig verstarb, ist nun die zeit gekommen, diese blätter der öffentlichkeit zu überreichen.

mögen sie freunde finden.

 

eine weitere kurze vorbemerkung

die vom herausgeber so benannten „nachgelassenen schriften“ (das manuskript besitzt weder überschrift noch titelblatt), werden wiedergegeben wie vorgefunden.

es handelt sich um ein konvolut von 212 mit hand geschriebenen und von zahlreichen zeichnungen begleiteten losen blättern, die in einen einfachen dunkelblauen pappeinband eingelegt waren.

der herausgeber gelangte zu der ansicht, dass der text einer gewissen chronologie folgt.

dies scheint durch dessen entstehungsprozess erklärlich, auch wenn hier noch einige forschungsarbeit zu leisten sein wird.

nach auskunft des vaters hat seine tochter ihm das manuskript im anschluss an einen längeren frühjahrs- und sommeraufenthalt im jahre 2003, also ein jahr vor ihrem tod (oder verschwinden) zurückgelassen. 

es steht zu vermuten, dass es während dieses aufenthaltes angefertigt wurde.

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karlinas gedanken 2/5

die lieder verstummen nicht

ist das haar auch gebleicht von sonne und alter

nimm die leier, kind, und singe uns von aphrodite

wenn helios vom himmel steigt blicken die schafe zum hirten

fragend und wissend zugleich

so blicken auch wir

und sehen: es ist das fortschreitende unseres lebens

das sich tag für tag entwickelt, wie die spindel garn abrollt

der abend kommt und mit ihm der mond und die plejaden

die große und die kleinen schwestern

ich denke mich hinauf zu ihnen

 

so, stelle ich mir vor, könnte sappho gesprochen haben

eine kluge alte frau, die alles erlebt, gespürt, verstanden hat

ja, verstanden

ich sage das, wohlwissend, was für ein großes wort das ist

 

ich betrachte mir die farben des frühlings

und weiß wie schön ich bin

 

wie ich die welt bewegte

der welt meinen stempel aufdrückte

weil ich etwas darzustellen meinte

zur darstellerin wurde

dabei war ich nur ein stempelkissen, bestenfalls

meiner überschwänglichen pläne

 

um dem ganzen die krone aufzusetzen sitze ich mal wieder am meer

ich sehe hinaus auf eine nicht weit entfernte insel

ich könnte hinüberspucken, wenn ich genug anlauf nähme

aber die sonne blendet so schön

mag mich nicht rühren

nur rauchen und spinnen

schaffe es gerade noch die füße anzuwinkeln

was will man denn noch?

weiterspinnen

 

über mir die schneewittchenwolke

ich habe sie so benannt, weil sie so sehr gehetzt aussieht

ich möchte sie in die arme nehmen und sagen: schlafe … schlafe

taurus – perseus – aries

ich weiß nun gar nicht, wie ich auf die gekommen bin

doch, ich weiß es

ich habe sie gestern auf dem himmelsglobus betrachtet

der bei meinem vater im bücherschrank steht

ich war auf der suche nach einem buch

und habe keines gefunden

sie waren alle so sehr aufgeregt

 

draußen dümpelt ein boot in der flaute

sie kommen nicht voran, wollen es wohl auch gar nicht

eine flaute ist ein ort der stille

wenn man ihn findet, ist es gut

wenn er zu einem findet, kann es zu komplikationen führen

 

 

14/2

bin fest entschlossen am fenstergriff zu drehen, mein schweigen öffentlich zu machen. es braucht nicht gesprochen zu werden, um buchstaben zum laufen zu bewegen. ist einer erstmal aufgebrochen, schließen sich andere an, wird eine schnitzeljagd daraus, mit kleinen schnipselzetteln. nehm ich ein u in die hand, füge ein n hinzu, ein v, könnte unvernunft daraus entstehen, aber auch ein unverhofft, das bekanntlich um jede ecke schielt.
dreimal gegen den selben baum gelaufen. pech gehabt. aber die marie gefunden.